Habt ihr euch schon einmal gefragt warum in der HEMA-Szene und auf Wiktenauer ein und das selbe Fechtbuch einmal als Peter von Danzig, Codex Danzig, Codex 44 A 8, Rom Version oder einfach nur als Danzig bezeichnet wird?

In diesem Artikel möchte ich dieses Mysterium für brandneue Fechtbuchforscher und alle die es werden wollen aufklären, damit GNM 3227a, Thott Talhoffer oder Von Baumanns Fechtbuch keine Fremdwörter mehr für euch sind. 😉

Wie wurden Fechtbücher hergestellt?

Fechtbücher sind zunächst einmal mittelalterliche bzw. frühneuzeitliche Gebrauchsprosa die von Fechtern oder Fechtmeistern selbst angefertigt oder in Auftrag gegeben wurde. Teils waren sie Merkhilfe für den Auftraggeber und teils Merkhilfe für reiche Schüler. Manchmal dienten sie auch der Repräsentation und Bewerbung des Fechtmeisters bei potenziellen Auftraggebern.

So enthält etwa Johannes Lecküchner Fechtbuch zum Langen Messer über 100 bebilderte Seiten von denen die meisten eigene Techniken abbilden! Ich vermute das kann man heutzutage am ehesten mit einem fetzigen YouTube Video vergleichen, dass das eigene Können demonstrieren und Lust auf mehr machen soll.

Die meisten Liechtenauer Fechtbücher sind noch vor dem Buchdruck entstanden und von Hand geschrieben1)Der Buchdruck wurde wie wir wissen erst 1458 von Gutenberg erfunden.. Spätere Fechtbücher wie das von Joachim Meyer oder die meisten italienischen Rapier Quellen sind dann schon gedruckt worden.

Dennoch wurden Bücher damals schon vervielfältigt. Wie? Ganz klassisch indem sie von Hand abgeschrieben wurden. Es hat sich also beispielsweise ein Mönch hingesetzt und Seite für Seite vom Original abgeschrieben.

Analog zu heute ist nicht jede historische Handschrift gleich gut lesbar und natürlich war auch die Rechtschreibung noch nicht vereinheitlicht. Zudem war derjenige der das Fechtbuch abgeschrieben hat nicht zwangsläufig selbst Fechter und mit den Fachbegriffen vertraut. Hierdurch kommt es natürlich zu Unterschieden und Fehlern zwischen Original und Kopie, wie einer Verwechslung von links und rechts oder einer Abwandlung der Fechtbegriffe.

Es konnte ebenso passieren, dass ein Fechtbuch vom Kopierer um neue Inhalte erweitert oder zwei Fechtbücher zusammengefasst wurden. Auch konnte es sein, dass einzelne Seiten über die Jahre physikalisch verloren gingen und in Folgekopien nicht mehr auftauchen.

Man kann sich vorstellen, wie sehr sich Texte verändern können wenn dieser Prozess der Abwandlung nicht nur einmal passiert, sondern über viele Jahrzehnte hinweg immer wieder von bereits kopierten und abgewandelten Büchern abgeschrieben wird.

Das Original, also die erste Ursprungsversion eines Textes, wird dabei in den Textwissenschaften als Archetyp bezeichnet. Auf der Sigmund Ringeck Wiktenauer Seite2)Der wahrscheinlich gar nicht Ringeck sondern Amring oder Einring hieß gibt es ein schönes Diagramm, dass das Verhältnis von Archetypen zu von abgeschriebenen Kopien zeigt.

Wir haben also mehrere, teils sehr unterschiedliche Versionen derselben Texte. Zudem haben natürlich auch einzelne Fechtmeister wie Hans Talhoffer mehrere eigenständige Manuskripte anfertigen lassen.

Wenn ich jetzt also sage “Im Talhoffer steht…” welchen meine ich dann genau? Ein für die Kommunikation in der Szene und insbesondere in der Wissenschaft sehr unbefriedigender Zustand.

Eine eindeutige Möglichkeit solche Manuskripte zu bezeichnen ist also dringend nötig und hier kommt die Archivsignatur ins Spiel.

Eindeutig identifizierbare Fechtbuchtitel

Da alle Fechtbücher und mittelalterlichen Handschriften vor dem Buchdruck letztendlich Unikate sind, werden diese über ihre Regalnummer im Archiv identifiziert. Wie genau die Signatur aufgebaut ist hängt dabei von der inneren Logik des Archivs ab in dem das Manuskript aufbewahrt wird.

44 A 8 bzw. genau genommen Cod.44.A.8 ist damit also die Signatur des Fechtbuchs, dass umgangssprachlich Peter von Danzig genannt wird. Dieses Signaturformat ist dabei natürlich nicht auf Fechtbücher beschränkt sondern wird für alle Handschriften des gleichen Zeitraums in den Archiven verwendet.

In der Fachsprache wird die Regalnummer als (Brett)Signatur bezeichnet und ist bibliothekarisch gedacht eigentlicher Titel einer Handschrift.

Beim 44 A 8 ist die Signatur noch recht eindeutig, aber es gibt neun sehr unterschiedliche Fechtbücher in der Oettingen-Wallersteinschen Universitätsbibliothek Augsburg die mit Cod.i.6. starten!3)Von Wiktenauer https://wiktenauer.com/wiki/Category:Treatises

  1. Codex Lew (Cod.I.6.4º.3)
  2. Codex Wallerstein (Cod.I.6.4º.2)
  3. Hans Medel Fechtbuch (Cod.I.6.2º.5)
  4. Hutter/Sollinger Fechtbuch (Cod.I.6.2º.2)
  5. Jörg Breu Draftbook (Cod.I.6.2º.4)
  6. Jörg Wilhalm Hutters kunst zu Augspurg (Cod.I.6.2º.3)
  7. Jörg Wilhalm Hutters kunst zu Augspurg (Cod.I.6.4º.5)
  8. Tableau de l’académie d’armes (Cod.I.6.2º.6)
  9. Talhoffer Fechtbuch (Cod.I.6.2º.1)

Es wäre in der Alltagssprache kaum praktikabel, zur Unterscheidung dieser doch sehr unterschiedlichen Quellen immer die gesamte Signatur zu nennen. Darum haben alle Fechtbücher einen oder mehrere umgangssprachliche Namen mit denen sie leichter identifiziert werden können.

Häufig beziehen sich die umgangssprachlichen Namen der Fechtbücher auf das jeweilige Alleinstellungsmerkmal, also was dieses Fechtbuch von allen anderen seiner Art unterscheidet. Logisch, denn auch Umgangssprache soll ja möglichst eindeutig sein.

Das 44 A 8 aka der Codex Danzig

Das 44 A 8 wird Peter von Danzig Fechtbuch genannt, da es ein Sammelband mit unterschiedlichen Waffen von mehreren Fechtmeistern ist und einen Zweikampf Teil von Peter von Danzig enthält der sonst nirgends enthalten ist. Die anderen Bestandteile der Handschrift wie die Liechtenauer Glossen, die Stücke von Andre Lignitzer oder Ott tauchen weitesgehend Deckungsgleich auch in anderen Quellen auf.

Da dies sein Alleinstellungsmerkmal ist, ist die Handschrift unter diesem Namen bekannt geworden. Noch weiter vereinfacht wird daraus dann Codex Danzig oder einfach nur Danzig, da innerhalb der HEMA-Szene jeder weiß was damit gemeint ist.


Das transkribierte Codex Danzig Fechtbuch auf Amazon

Manchmal werden die Fechtbücher auch anhand ihres Aufbewahrungsortes identifiziert. Dies geschieht etwa auf Wiktenauer dort wo die Liechtenauer Glossen verschiedener Quellen miteinander verglichen werden.

Der Codex Danzig etwa wird in Rom in der Accademia Nazionale dei Lincei aufbewahrt, weshalb die Liechtenauer Glossen aus ihm als Rome Version tituliert werden. Die Krakau (Krakow) Version ist das Goliath- (MS Germ.Quart.2020) und die Augsburg Version das Hutter/Sollinger Fechtbuch (Cod.I.6.2º.2)

Wiktenauer Screenshot der Liechtenauerglossen Aufbewahrungsortvarianten
Warum hier nicht ebenfalls Danzig, Goliath und Solothurn stehen kann ist mir nicht klar, denn so muss man sich leider drei verschiedene Systeme für die Referenzierung merken.

Die Fechtbücher Hans Talhoffers

Hans Talhoffer wiederum hat mehrere Manuskripte angefertigt bzw. fertigen lassen, die zum Großteil nur ihm selbst zugeschrieben sind. Hier können die Quellen also nicht nach Fechtlehrer getrennt benannt werden.

Was seine Manuskripte vorrangig unterscheidet ist die Zielgruppe für die sie angefertigt wurden. So wurde das Cod.icon. 394a für Eberhardt, Graf von Württemberg angefertigt und das MS XIX.17-3 für die Familie Königsegg. Diese Versionen sind entsprechend als Württemberger und Königsegger Talhoffer Varianten bekannt.


Eine Hans Talhoffer Transkription von Amazon. Hier zeigt sich auch das Problem der Uneindeutigkeit des Namens, um welche Version handelt es sich? Es ist die Württemberg Variante.

Zwei seiner Manuskripte sind niemandem gewidmet und es wird vermutet, dass es sich hier um Fechtbücher für seinen persönlichen Gebrauch oder als Hilfsmittel im Fechtunterricht handelt.

Eines dieser persönlichen Manuskripte ist MS Thott.290.2º und wird üblicherweise als Thott Talhoffer bezeichnet, da es Anfang des 18. Jahrhunderts im Besitz von Otto Thott war. Hier finden wir also noch eine weitere Variante seine Fechtbücher zu benennen, nämlich nach einem vormaligen Besitzer!

Dieses Manuskript ist unter anderem deshalb sehr spannend, weil es nicht nur Abschnitte zum fechten enthält sondern auch Konrad Kyesers Bellifortis: Eine Abhandlung über Kriegsmaschinerie!

Talhoffers zweites persönliches Manuskript, das MS Chart.A.558, wird oft als Gotha Talhoffer bezeichnet da es in der Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha aufbewahrt wird.

Ihr seht schon wie uneinheitlich die Namensgebung in der Umgangssprache ist. Der Thott Talhoffer könnte theoretisch also Bellifortis Talhoffer genannt werden, weil dieser Teil in keinem anderen Talhoffer enthalten ist. Zudem wird er in der Det Kongelige Bibliotek in Kopenhagen aufbewahrt und könnte deshalb auch Kopenhagen Talhoffer heißen.

Die Gotha Version ist insofern interessant, dass sie einen Archetyp darstellt von dem uns mindestens sechs Kopien erhalten geblieben sind:4)Von https://wiktenauer.com/wiki/Hans_Talhoffer/Personal

  • MS 26.236 (1500s)
  • 2º MS iurid. 29 (1600s)
  • 2º Col. MS. philos. 61 (late 1600s)
  • Cod.Guelf.125.16.Extrav. (late 1600s)
  • MS 014 (1700s)
  • Cod.icon. 395 (ca.1820)

Insbesondere 2º Col. MS. philos. 61 geht einem sehr flüssig von der Zunge, aber da es sich um direkte Kopien handelt der Alleinstellungsmerkmale fehlen hat man schlicht keine andere Wahl.

Wie Codex Döbringer zu Pol Hausbuch wurde

Man kann sich vorstellen, dass sich umgangssprachliche Bezeichnungen auch ändern können. Insbesondere wenn sie auf falschen Annahmen beruhen.

So wurden etwa die Texte vom MS 3227a bzw. GNM 3227a5)Von Germanisches National Museum Fechtbuch früher dem Fechtmeister Hans Döbringer zugeschrieben, weswegen dieses Manuskript unter dem Namen Codex Döbringer bekannt wurde.

Heute wissen wir, dass Döbringer zwar an prominenter Stelle im Text erwähnt wird aber definitiv nicht Autor der Texte ist. Dieser Name kann also nicht guten Gewissens weiter verwendet werden, da er nicht nur unpräzise ist sondern sogar falsche Informationen nahelegt.

Ein weiterer verbreiteter Name dafür ist Nürnberger Handschrift da, ihr erratet es sicher, dass Manuskript heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg aufbewahrt wird.

Auf Wiktenauer wurde die Seite des 3227a dann am 4. Januar 2020 von Nuremberg Hausbuch in Pol Hausbuch umbenannt, was mir als Name so bisher nicht geläufig war. Auf Nachfrage wurde mir vom Wiktenauer Team erklärt, dass es ja schließlich viele Handschriften und Hausbücher aus Nürnberg gäbe, Nuremberger Hausbuch deshalb kein guter Name und Pols Hausbuch eindeutiger sei.

Ihr seht also Umgangssprache vergeht, doch die Signatur besteht! 🙂

Warum der Codex Wallerstein eigentlich Von Baumanns Fechtbuch heißt

Mit Codex Wallerstein wird Cod.I.6.4º.2 aus der Oettingen-Wallersteinschen Universitätsbibliothek Augsburg bezeichnet. Ja genau, einer der neun Einträge die mit Cod.I.6 beginnen.

Codex Wallerstein heißt die Handschrift also deshalb, weil es in der Oettingen-Wallersteinschen Bibliothek aufbewahrt wird. Nun haben wir weiter oben ja gelernt, dass es allein acht weitere Fechtbücher in der gleichen Bibliothek gibt. Dass nun gerade dieses Buch als Codex Wallerstein bekannt wurde ist letztendlich Zufall, da auch jedes der anderen acht Fechtbücher mit gleichem Recht Codex Wallerstein heißen könnte.

Hier ist analog zum Thott Talhoffer wieder ein Besitzvermerk zu finden, nämlich “Vom Baumann”, weshalb dieses Manuskript auch als Von Baumanns Fechtbuch bezeichnet wird.

Diese Begriffsverwirrung führt in diesem Fall zu dem interessanten Ergebnis, dass es eine wissenschaftliche Veröffentlichung und Aufbereitung des Codex Wallersteins gibt die man unter diesem Begriff allerdings nicht auf Amazon finden kann:


… vnd mit der rechten faust ein mordstuck – Baumanns Fecht- und Ringkampfhandschrift von Rainer Welle auf Amazon

Da Codex Wallerstein oder Cod.I.6.4º.2 weder im Titel noch in der Beschreibung auftaucht, das Von vor Baumanns gestrichen wurde und Ringkampfhandschrift mit Sicherheit der letzte Begriff ist den historische Fechter nutzen um nach Quellen zu suchen, ist es überaus unwahrscheinlich außerhalb von akademischen Kreisen auf dieses Buch zu stoßen.

Das Buch von Rainer Welle richtet sich, wie man alleine am Preis schon sieht, ganz klar an ein rein akademisches Fachpublikum und nicht an historische Fechter. Dennoch ist es überaus schade, dass es kaum eine Chance gibt Bücher dieser Art zu finden ohne bereits über sie Bescheid zu wissen.

Wiktenauer Infotafel erklärt

Wiktenauer beinhaltet in den Manuskriptseiten alle Informationen auf die ich in diesem Artikel verwiesen habe. Da das entsprechende Kästchen nicht immer selbsterklärend ist, hier noch eine kleine Anleitung.

Starten wir mit der Codex Wallerstein Seite:

Wiktenauer Screenshot von der Informationstafel zum Codex Wallerstein / Von Baumanns Fechtbuch
Von https://wiktenauer.com/wiki/Codex_Wallerstein_(Cod.I.6.4%C2%BA.2)

Unter dem Titel Codex Wallerstein findet ihr sowohl die Signatur als auch den aktuellen Aufbewahrungsort des Manuskriptes, nämlich die Uni Bibliothek in Augsburg, gefolgt vom Titelbild.

Die obersten zwei Zeilen unter dem Bild stellen die Einträge dieses Fechtbuchs in Katalogen da, so wird der Codex Wallerstein bei Hans Peter Hils an zweiter Stelle genannt. Wenn ihr euch nicht akademisch mit dieser Quelle beschäftigt könnt ihr diesen Teil ignorieren.

Bei Also known as werden mal mehr und mal weniger vollständig die weiteren umgangssprachlichen Namen oder alternative Signaturen genannt unter denen diese Quelle ebenfalls bekannt ist. Hier findet ihr den erwähnten korrekteren Namen Von Baumanns Fechtbuch.

Der Rest sind Informationen über das vermutete Erscheinungsjahr, Sprache sowie Informationen über das physikalische Manuskript und sofern bekannt Autor und Illustrator.

Auf der Hans Talhoffer Seite in der Gotha Variante findet ihr unter Archetype(s) die Information, dass es sich hierbei um einen Archetyp handelt, also ein Original handelt und unter Manuscript(s) stehen alle davon bekannten Kopien.

Wiktenauer Screenshot von der Informationstafel zum Hans Talhoffer / MS Chart.A.558 Fechtbuch
Von https://wiktenauer.com/wiki/Hans_Talhoffer/Personal

Weitere Informationen

Wir reden im Schwertgeflüster Podcaster in Folge 17 mit Dierk Hagedorn unter anderem darüber, ob man die Fechtbücher lieber mit ihrer Signatur oder ihrem umgangssprachlichem Namen benennen sollte. Dierk spricht ein klares Plädoyer für die umgangssprachlichen Namen aus, dass von mir ganz deutlich unterstützt wird!

Wir sollten es unseren Einsteigern so einfach wie möglich machen mit der Quellenarbeit anzufangen. Erst drei verschiedene Namenssysteme lernen zu müssen um überhaupt einer HEMA Quellendiskussion folgen zu können trägt dabei nicht zu guter Usability der Szene bei. 😉

Wer es mit einer recht aktuellen wissenschaftlichen Veröffentlichung zu dem Thema versuchen möchte, kann sich die Dissertation von Patrick Leiske Höfisches Spiel und tödlicher Ernst anschauen.

References   [ + ]

1. Der Buchdruck wurde wie wir wissen erst 1458 von Gutenberg erfunden.
2. Der wahrscheinlich gar nicht Ringeck sondern Amring oder Einring hieß
3. Von Wiktenauer https://wiktenauer.com/wiki/Category:Treatises
4. Von https://wiktenauer.com/wiki/Hans_Talhoffer/Personal
5. Von Germanisches National Museum
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de_DEGerman en_USEnglish