Während aktuell dank Corona die praktische Beschäftigung mit dem historischen Fechten untern den Tisch fällt, kann man sich zumindest auf der theoretischen Ebene weiterbilden. Dazu hab ich für euch meine Top 10 der besten Vorträge für historische Fechter und Mittelalterfans zusammengetragen.

Die Videos fallen in drei Kategorien:

  1. Vorträge direkt über die Fechtbücher
  2. Vorträge über den geschichtlichen Kontext zur Zeit der Fechtbücher
  3. Vorträge über Waffen und Rüstungen

Viele davon sind von der Iron Gate Exhibition (IGX) aus den USA, die dankenswerterweise ihre Vorträge aufnehmen und frei verfügbar auf Youtube veröffentlichen.

Ich habe mich dabei vor allem an der inhaltlichen Relevanz orientiert, leider haben nicht alle Vorträge eine durchgängig gute Bild- und Audioqualität.

Einziger Wehrmutstropfen ist, dass alle Vorträge auf English sind da ich im deutschen Sprachraum nichts vergleichbar gutes kenne obwohl wir durchaus fähige Leute in dem Gebiet haben.

Über die Fechtbücher

The Method of Johannes Liechtenauer

Michael Chidester, seines Zeichens Hauptverantwortlicher für Wiktenauer.com, gibt einen Rundumschlag über das komplette Liechtenauersystem: Welche Quellen dazugehören, wie sie aufgebaut sind, wie sie zusammenhängen und wer die Fechtmeister in Liechtenauers Tradition sind.

Von Michael Chidester

Wer einen kurzweiligen Gesamtüberblick über Liechtenauers System sucht ist hier richtig. Die Slides zu diesem Vortrag gibt es auf Wiktenauer.

Zudem wird Michael Chidester mit seinen Vorträgen noch ein paar mal in diesem Artikel auftauchen.

Hans Medel and the Evolution of a Tradition

Noch einmal Michael Chidester, diesmal gehts um Hans Medels Manuskript und wie es in der Liechtenauer-Tradition einzuordnen ist.

Tatsächlich geht es nicht nur um Medels Manuskript sondern um die Liechtenauerlehre generell und sogar ein wenig um Fiore dei Liberis Manuskript.

Geschichtlicher Kontext

15th Century Dueling

Nochmal Michael Chidester. Diesmal erklärt er anhand der Paride Del Puzzo Manuskripte wie Duellregeln im 15. Jahrhundert ausgesehen haben. Puzzo (1410 – 1493) war ein italienischer Jurist der sich intensiv mit Duellrecht auseinander gesetzt und genau darüber Bücher darüber geschrieben hat.

So beantworten Puzzos Manuskripte Fragen wie “Wenn sich in einem Duell beide gleichzeitig verwunden und an ihren Wunden sterben, wer hat dann gewonnen?” *

*Fast so als hätte es Doppeltreffer schon immer gegeben 😉

Von Michael Chidester

Chidester argumentiert zudem, dass Puzzos Manuskripte das Wort Duell überhaupt erst verbreitet haben und Teile davon in Achille Marozzo Opera Nova übernommen wurden.

In einem Nebensatz erwähnt er noch, dass das berühmte Talhoffer Bild vom Kampf Frau gegen Mann in der Grube nie statt gefunden hat.

Historical Rulesets

Matt Galas ist ein Urgestein der HEMA-Szene und geht in diesem Vortrag auf die Details historischer Regelwerke sowie ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede ein zu heutigen Regelwerken ein. Ein Thema an dem er seit mehr als 10 Jahren forscht.

Von Matt Galas

Insbesondere ist interessant, dass einige historische Regelwerke im Gegensatz zu heute starke Einschränkungen in Bezug auf erlaubte Techniken und Trefferzonen haben und nicht versuchen fair zu sein. Heute kennt man eine Variante davon als King of the Hill. Zudem sind sie auf das Weiterfechten nach einem Treffer ausgelegt.

Weiterhin ist interessant, dass Doppeltreffer auch historisch ein großes Problem waren und fast jedes erhaltene historische Regelwerk auf den Umgang mit ihnen eingeht. Fast so als hätte es Doppeltreffer… ihr kennt den Rest.

Galas schlägt dabei die Brücke von den römischen Gladiatoren über die Fechtschulen Deutschlands bis zu den frankobelgischen Regeln die bis ins 18. Jahrhundert reichen.

Preparing for War: Hunting and Sportive Games

Man hört immer wieder, dass im Mittelalter die Jagd und diverse Kampfspiele eine wichtige Vorbereitung für den Krieg waren. Doch was heißt das eigentlich genau?

Von Jean Chandler

Im ersten Teil des Vortrags geht Jean Chandler auf Sport mit Kampfrelevanz ein wie Wettschießen und sogar Schwerttanz, sowie exoten wie Calcio Fiorentino / Calcio storico. Ein Kampfspiel das heute noch in Florenz gespielt wird und laut Jean eine Mischung aus Fußball, Rugby und MMA ist.

Den Ulmer dürfte auch das Tjosten im Wasser als Fischerstechen bekannt vorkommen.

Chandler zieht hier den Vergleich zwischen historischem und modernem Training und wie Vegetius – De Re Militari unseren Eindruck von mittelalterlichem Training geprägt hat, da hier die einzige erhaltene Beschreibung für das Training am Schlagbaum enthalten ist.

Im zweiten Teil geht er darauf ein wie sich die Jagd in diesen Komplex einordnet, warum man sich teils größerer Gefahr als notwendig ausgesetzt hat, wie die Rolle der Frauen bei der Jagd war und wie eigentlich gejagt wurde.

Übrigens wird auch Chandler noch ein paar mal in dieser Liste vorkommen.

The Sword in Daily Life

Wer hatte im Mittelalter Waffen und wann durfte man sie führen? Jean Chandler versucht diese und weitere Fragen anhand von historischen Quellen zu beantworten.

Von Jean Chandler

Er fokusiert sich dabei auf Straßburg sowie Augsburg, wobei auch Nürnberg und Freiburg kurz erwähnt werden, was es für einen Süddeutschen wie mich nochmal interessanter macht.

Ist es nicht spannend, dass ein Amerikaner in Massachusetts einen Vortrag über Augsburg hält? 🙂

Zudem wird erwähnt was mit Bürgern passierte die zuwenig Waffen hatten, welche Rolle das Schwert im Alltag sowie im Krieg spielte und wie viele Waffen in Augsburg im Jahre 1610 in der Hand seiner Bürger waren.

Leider hat der Votrag nicht die beste Bildqualität und man kann die Texte nur schwer lesen, was vermutlich daran liegt, dass es sich um einen der ersten IGX Vorträge handelt. Ich denke aber Chandler gibt den Inhalt gut genug wieder um ihm trotzdem folgen zu können.

Viele der genannten Statistiken und Beschreibungen könnt ihr auch in The Martial Ethic of Early Modern Germany nachlesen.

Butchers, Bakers, and Candlestick Makers

Was Fleischer, Bäcker und Kerzenmacher mit Schwertern zu tun haben? Eine ganze Menge glaubt man diesem Vortrag von Jean Chandler.

So hat er unter anderem ausgewertet welcher Arbeit die Fechtmeister Straßburgs hauptberuflich nachgingen und wie die Gilden in die Verteidigungskonzepte der Städte gepasst haben.

Eigentlich geht es in diesem Vortrag vorallem um die Lebenswirklichkeit der Menschen zur Zeit der Fechtbücher und es geht auch viel um den Gesamtüberblick.

Leider ein weiterer Vortrag mit mittelmäßiger Bildqualität, aber über die Tonspur ebenfalls nachvollziehbar.

Waffen und Rüstung

Building Medieval Plate Armor

Dr Tobias Capwell ist nicht nur Kurator der Wallace Collection sondern auch ein Tjoster mit über 20 Jahren Erfahrung. Ja richtig gelesen, es gibt eine aktive und kompetitive Tjostszene mit allem drum und dran und neben Pferden und Lanzen brauchen sie vorallem gute Rüstungen.

Dementsprechend hat Capwell nicht nur akademische sondern auch praktische Erfahrung mit der Herstellung und der Verwendung von Harnischen. Toll wenn man Hobby und Beruf so gut verbinden kann.

Von Dr Tobias Capwell

Wer an die Anfänge der HEMA-Szene und den damaligen Mangel an guter Ausrüstung zurückdenkt ist auf der richtigen Spur welchen Reifeprozess die Tjostszene durchgemacht hat um zu diesem Rüstungslevel zu kommen:

Dr Tobias Capwell in voller Tjostrüstung
Capwells legendäre schwarz goldene Rüstung haben sicher viele von euch schonmal gesehen. Mehr Bilder auf Imgur

Die Bildqualität ist nicht die Beste, aber der Inhalt macht dieses Manko umso mehr wett. Ihr könnt parallel ja zumindest die Bilder der schwarzen Rüstung auf Imgur nachschlagen.

Relationship Between Style and Functionality in the Evolution of Armour

Noch ein Vortrag von Dr Tobias Capwell zu Rüstungen und Harnischen, diesmal gehts um den Zusammenhang von zeitgenößischen Harnischmoden und ihrer Funktionalität.

Von Dr Tobias Capwell

Capwell diskutiert unter anderem die Vor- und Nachteile von deutschen und italienischen Rüstungen, verschiedenen Helmformen für unterschiedliche Anwendungsbereiche und wie englische Rüstungen für den Fußkampf optimiert wurden.

Es gibt ein wenig Überlapp zu seinem anderen Vortrag, aber dafür ist die Bildqualität ausgezeichnet.

Paradoxes of Sword Design

Peter Johnssons Einfluss auf moderne Repliken scharfer Schwerter kann nicht überbewertet werden.

So stellt er nicht nur selbst scharfe Repliken her sondern hat für Albion Swords Schwerter entwickelt und durch seine Vorträge, Blogposts und Vermessungen von Originalen die gesamte Schwertherstellerszene stark beeinflusst.

Lassen wir dazu doch einen der hiesigen Schwerthersteller zu Wort kommen

His work is my greatest inspiration and one cannot overestimate the impact he has had (and still has) on the community’s understanding of the medieval sword. Hats off. I also come to more and more appreciate and admire him for the great person he is and his wisdom in things not only sword-related.

Von https://www.lukasmaestlegoer.com/links/

Vermutlich hat jeder historische Fechter schon Johnssons Diagramme über den geometrischen Aufbau von Schwertern gesehen.

Von Peter Johnsson

Im Vortrag geht er unter anderem auf die Rolle des Gleichgewichtpunktes (Point of Balance oder PoB), der Härtung, des Klingenquerschnittes und der Masseverteilung in der Schwertentwicklung ein.

Wenn Johnsson also einen Votrag über Schwertdesign hält tut jeder gut daran zuzuhören.

Bonus: Back to the Source Dokumentation

Diese Dokumentation von 2015 stellt zusammen mit dem New York Times Bericht einen wichtigen Meilenstein dar, was die Darstellung der historischen Kampfkünste in der Öffentlichkeit angeht. Professionell produziert wird unsere Szene als gut informierte, seriöse und sympathische Gruppe von Menschen repräsentiert.

Es werden Videoaufnahmen aus dem Training, von Events, aus Turnieren, den Fechtbüchern und vielen Interviews gezeigt um einen sehr schönen Überblick über die moderne HEMA-Szene zu zeigen.

Jemand weiß nicht was HEMA ist? Einfach das Video weiterleiten und die Frage ist geklärt.

Der einzige Wehrmutstropfen ist das niemand deutschsprachiges Interviewed wurde obwohl wir mit dem Dreynevent und Menschen wie Dierk Hagedorn viel Potenzial gehabt hätten.

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